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13.01.2021 | Redaktion Spiritleaks - Hamburg

Spiritualität und Wahrnehmung

Über das Rückgrat unseres Denkens

Warum Indianer Büffel sehen und keine Engel. Die Entwicklung von Religion und Kultur prägen unser gesamtes Denken, unsere Wahrnehmung, das was wir glauben, unseren Alltag und zuletzt auch unsere Meinung, Einstellung und Wahrnehmung von spirituellen Themen. Kultur, Religion und Persönlichkeit sind die wichtigsten Filter, durch die wir auf uns selbst und unsere Umwelt schauen.

Die Art zu denken ist von Kultur zu Kultur gänzlich unterschiedlich. Das ist Ihnen auf Urlaubsreisen sicherlich schon aufgefallen. In unserer Kultur denkt man linear, analytisch und rational. Daher sind wir in vielen wissenschaftlichen Bereichen so stark. Wir analysieren und strukturieren alles bis ins kleinste Detail. Bei spirituellen Themen ist das wiederum nachteilig, denn hier müsste man quasi in die entgegengesetze Richtung denken - von X zum übergeordnetem Prinzip.

wissenschaft

1. Unsere Kultur

Das Fundament unseres Denkens

Reisen wir 2.500 Jahre zurück ins antike Griechenland. Die griechischen Philosophen trennten zu dieser Zeit Naturwissenschaft, Philosophie und Religion noch nicht voneinander. Zwischen Geist und Materie wurde nicht unterschieden, es gab noch nicht einmal ein Wort für Materie. (Später wurden diese Mystiker spöttisch als "jene, die glauben, das Materie lebt" bezeichnet.) Man sah das Universum als eine Art Organismus, das vom kosmischen Atem unterhalten wird. In dieser Zeit ähnelten sich die Ansichten noch stark der fernöstlichen Philosophie. Heraklit deutete z.B. das Leben als beständigen Wandel, der durch das Zusammenwirken von Gegensätzen entsteht (Das erinnert doch sehr an das taoistische Prinzip der Chinesischen Kultur). Der Gegenspieler Heraklits war Parmenides von Elena. Er hielt Wandel für eine reine Sinnestäuschung. Das "Sein" ist einzig und absolut unveränderlich.

Rund einhundert Jahre später versuchte man die Vorstellungen Heraklits und Parmenides zu verbinden. In einer Art Kompromiss einigte man sich nun darauf, dass das Sein sich in gewissen, unveränderlichen Substanzen als Materie manifestiert und eine Mischung oder Trennung die Veränderungen in der Welt hervorrufen. So entstand der Begriff des Atoms, als kleinste Einheit der Materie. Die griechischen Atomisten zogen eine klare Linie zwischen Geist und Materie. Materie besteht nach ihrer Meinung aus toten Teilchen, die sich ausschließlich passiv bewegen.

Das Prinzip der Teilung von Geist und Materie sollte über 2.000 Jahre Bestand haben. Nachdem das Prinzip der Teilung Fuß gefasst hatte, wandten sich Philosophie und Religion mehr der geistigen Welt zu, Naturwissenschaft der materiellen Welt.

Mit der Renaissance begann man sich von dem starken Einfluss der Kirche zu lösen, was wiederum den Weg für die modernen Wissenschaften ebnete. Man begann sich für die Natur und Ihre Prinzipien zu interessieren, stellte Experimente an, entdeckte die Mathematik neu und begann erstmals wissenschaftlich zu arbeiten. Galilei aus dieser Zeit gilt als Vater der modernen Wissenschaft.

Durch die Geburt der modernen Wissenschaft, trennten sich Philosophie und Wissenschaft weiter und es entstand der sogenannte Dualismus zwischen Geist und Materie. Bedeutend war in dieser Hinsicht René Descartes. Auch er war der Meinung, dass die Natur aus zwei unabhängigen Bereichen besteht, der Natur und dem des Geistes. Die Welt und das Universum wurden zu einer stofflichen Ansammlung, die wie in einer Maschine mechanischen Gesetzen unterlagen. Dieses Bild sollte uns noch bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts entscheidend prägen. Durch diese strikte Trennung, wurde auch der menschliche Körper zu einer Maschine, die nach bestimmten Naturgesetzen funktioniert. Wir empfanden, und das tun wir auch heute noch, uns als Geist in einem Körper ... wir nehmen uns als zwei voneinander getrennte Dinge war. Das mechanistische Weltbild brachte Vor- und Nachteile mit sich. Ohne Frage sind die wissenschaftlichen Errungenschaften der Technik, Medizin und weiteren Wissenschaftsbereichen grandios. Aber die beständige Analyse, Kategorisierung und Unterteilung - immer auch mit unserer inneren Trennung von Geist und Materie als Grundlage - hatte zur Folge, dass wir auch anfingen die Welt und die Menschen zu kategorisieren. Man kann sagen, die innere menschliche Zerrissenheit spielte sich im Außen des Weltgeschehens wider.

Wenn der Geist gestört ist, wird die Vielfalt der Dinge produziert, aber wenn der Geist beruhigt wird, verschwindet die Vielfalt der Dinge". Ashvaghosa, The Awekening of Faith S. 78 - Übersetzung von D.T. Suzuki

Erst vor gut 100 Jahren wurde das Gedankenmodell der Trennung widerlegt. Es begann mit der wissenschaftlichen Erforschung der Energie. Michael Faraday entdeckte, dass sich Energie beliebig umwandeln lässt. Mechanische in elektrische, wie in einem Wasserkraftwerk oder chemische in elektrische, wie in einer Batterie. Und was Faraday noch vermutete, konnte James Clerk Maxwell letztendlich beweisen: Licht ist elektromagnetische Strahlung - also auch Energie. Und dann kam Albert Einstein und erstellte seine berühmte Formel

E=mc² (Energie = Masse x Lichtgeschwindigkeit²)

Materie ist also auch Energie. Anschließend betraten berühmte Physiker, wie Erwin Schrödinger, Max Planck, Niels Bohr und Werner von Heisenberg die Bühne der Wissenschaft und entdeckten die Quantenphysik. Mit dem berühmten Doppelspalt-Experiment stellte sich heraus, dass Licht (als Energie) sowohl als Teilchen als auch als Welle auftreten kann und das der jeweilige Zustand vom Beobachter abhängt. Dies ist vielleicht ein wenig schwer zu verstehen. Vereinfacht gesagt: Unser Bewusstsein ist eine Kraft, die Energie und ihren physikalischen Zustand beeinflusst. Es stellt sich somit die Frage, inwieweit wir mit unserem Bewusstsein unsere Umwelt und unsere Realität beeinflussen.

Auch wenn die Erkenntnisse der Quantenphysik nahelegen, dass letztendlich doch alles nur eins ist und wir uns damit wieder der östlichen Philosophie annähern, bleiben 2.500 Jahre Denkmodell an uns haften. Materie ist tote Materie, Energie ist Energie und Geist ist irgendwas, was noch nicht hinreichend erforscht ist - und das wir eher mit unserem christlichen Glauben in Verbindung bringen. Wir sind ganz klar von allem getrennt und alles was wir um uns herum wahrnehmen sind einzelne Dinge, deren Existenz und Wirken auf Naturgesetze zurück zu führen ist. Analytisch, strukturiert, rational - so denken wir und so nehmen wir uns und unsere Realität wahr.

2. Das religiöse Bild

Warum Indianer keine Engel sondern Büffel sehen

In jeder Kultur findet man einen religiösen Hintergrund, der das Glaubensmuster prägt. In fernöstlichen Kulturen verbanden sich über die Zeit häufig mehrere Religionen. In unserer Kultur ist das christliche Glaubenssystem vorherrschend. Und auch wenn man sich gar nicht für religiös hält, ist es doch genau diese Religion, die unsere Wahrnehmung deutlich prägt.

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Unsere Religion

Man nimmt nur wahr, was man auch glaubt

Wie Sie der Geschichte der Wissenschaft entnehmen können, haben wir uns über die Jahrtausende ein festes Denkmodell angeeignet. Die Art zu denken, haben wir also lange und intensiv geübt. Hinzu kommt unser religiöses Weltbild, dass fast ebenso lange vom Christentum geprägt ist. Begrifflichkeiten wie Gott, Engel, Hölle und Himmel sind in unserer Kultur niemandem fremd. Doch unser religiöses Gedächtnis formt nicht nur Moral und Ethik, sondern Sie dient auch als "Lückenfüller" in der Wahrnehmung der Realität. Unser Gehirn analysiert das was wir wahrnehmen zunächst nach unserem erlernten kulturellen Denkmodell. Erfahren wir nun etwas, was wir wissenschaftlich und analytisch nicht erklären können, braucht unser Gehirn etwas, womit wir diese Erfahrung beschreiben und verarbeiten können. Unser Gehirn ist dabei nicht sonderlich kritisch und gründlich, sondern sucht sich die nächstgelegene Erklärung. Ist eine naturwissenschaftliche Deutung nicht möglich, greift es auf unsere religiösen Vorstellungen zurück. Eine leuchtende Form in der Ecke des Raumes interpretieren wir dann unweigerlich als Engelerscheinung.

In anderen Kulturen fehlt der christliche Hintergrund. Indianer kennen den Begriff Engel überhaupt nicht. Daher werden "Grenzerfahrungen" gewiss nicht mit Engeln in Verbindung gebracht, sondern mit Bildern und Vorstellungen der eigenen Kultur - in diesem Fall vielleicht der Büffel als Krafttier oder der Symbol des verankerten Ahnenkultes. Im fernöstlichen Raum würde man von Geistern oder Dämonen sprechen, da auch in Ihrer Kultur der Begriff Engel gar nicht vorkommt. Die Art zu denken und die Art, Erfahrungen und außergewöhnliche Wahrnehmungen einzuordnen ist also grundlegend von unserem sozialen, kulturellen und religiösen Hintergrund abhängig.

Wenn Sie sich mit anderen Kulturen und Religionen beschäftigen, erweitert das Ihren Wahrnehmungsspielraum. Ihr Gehirn wird zwar immer zuerst auf das eigene Religionsmodell zurückgreifen, aber beim genaueren Nachdenken bieten sich dann auch andere Erklärungsmodelle. Es braucht sicherlich etwas Übung, denn hinter jedem religiösen Modell steckt auch eine andere Denkstruktur. Aber es lohnt sich!

3. Die Filter der eigenen Persönlichkeit

Warum jeder seine Welt auf eine ganz eigene Weise sieht

Das Denkmodell und der religiöse Hintergrund bilden zusammen den Boden, von dem die eigene Wahrnehmung beeinflusst wird. Auf diese Struktur setzt man dann aber noch die eigene Persönlichkeit, die die eigene Wahrnehmung nochmals in eine eigene Farbe taucht. Die Persönlichkeit entwickelt sich zwar kontinuierlich, aber ihre Grundstruktur wird bereits in der Kindheit festgelegt.

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Die eigene Persönlichkeit ist ein sehr spannendes aber auch ein sehr kompliziertes Gebiet. Sie setzt sich aus verschiedenen Persönlichkeitsanteilen zusammen. Das kann man sich wie die Regierung eines Landes vorstellen. Es gibt einen König, dass sind dann Sie in Ihrer Gesamtheit und dann gibt es da die unzähligen Minister. Jeder Minister ist für einen anderen Bereich zuständig und konkurriert oder verbündet sich mit anderen Ministern, um die eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Im Laufe des Lebens eignet sich jeder Minister seine eigene Vorstellung an. Der Finanzminister prägt Ihre Einstellung zum Geld, der Familienminister Ihre Vorstellung von einer Familie. Die Anzahl der Minister ist dann auch enorm. Möchte man in seinem Leben etwas ändern, muss man zunächst schauen, welche Minister für diesen Bereich überhaupt an den Tisch geholt werden müssen. Dann muss man diese von den eigenen Vorstellungen noch überzeugen, was in der Regel auch nicht so einfach ist. Bündelt man alle Vorstellungen aller Minister ergibt sich daraus das Gesamtbild Ihrer Persönlichkeit.

Betrachten mehrere Personen ein Bild in der Gallerie, entscheiden die Minister für Kunst, was jede Person hier wahrnimmt. Interessiert sich der Minister für Kunst nicht im geringsten für Gemälde, werden Sie gelangweilt auf das Bild schauen. Wurde Ihr Minister für Kunst schon früh im Kindesalter an die Thematik herangeführt und fand das dann auch interessant, schauen Sie schon ganz anders auf das Bild. Die Wahrnehmung von Dingen, Situationen, Personen - kurz alles, was Sie wahrnehmen, wird ganz entscheidend von der Einstellung des jeweiligen Persönlichkeitsanteils beeinflusst. Interessant ist vielleicht noch zu wissen, dass es unter den Ministern feste Hierarchien gibt. So stehen zum Beispiel die Minister für Emotionen immer an erster Stelle. Wenn Sie nämlich gerade so richtig schlechte Laune haben, kann sich Ihr Minister für Kunst noch so sehr für das Bild interessieren, Sie werden nicht in der Lage sein, es sich vernünftig anzusehen.

Wie sich Persönlichkeitsanteile überhaupt entwickeln, wie sie beeinflusst werden und wie man sie selbst beeinflussen kann, damit beschäftigen wir uns übrigens im großen Themenportal Lebensfreude